Chapter Text
Kapitel 1 – Chiffrierungen und Katze
Die Lichter zu löschen im Hause Moriarty war immer noch Louis Aufgabe. Das tat er auch sehr gewissenhaft. Im Arbeitszimmer hatte er es früher immer brennen lassen müssen, da sein Bruder William dort pflegte bis spät nachts zu arbeiten und dann auch dort bisweilen einzuschlafen. Das war einer der Gründe für das Sofa in diesem Raum.
Etwas wehmütig dachte er daran, wie oft er ihn dort schon zugedeckt hatte.
Die letzten drei Jahre war es sein Arbeitszimmer gewesen, aber er hatte möglichst wenig verändert. So wollte er sich zum einen immer an seinen Bruder erinnern und zum anderen sich selbst dafür büssen lassen nicht mehr getan zu haben. Dennoch tat er alles um diese Welt, die sein Bruder hatte besser machen wollen, zu bewahren.
Streng genommen war es ohnehin nie das Arbeitszimmer seines Bruders gewesen, sondern seines. Das Handelshaus Universal war immerhin das Tarnbüro des MI6, dessen Anführer er war.
Nach den Ereignissen, die dazu führten, dass Sherlock Holmes und sein Bruder für tot erklärten wurden, war es sehr still geworden. Es war vorher schon manchmal sehr still gewesen, aber es war die Art von Stille, die wohl entstand, wenn jemand fehlte. Bald darauf fehlten weitere. Erst sein Bruder Albert und dann Oberst Moran. Er und Fred hielten sich wacker, wie er sich sagte. Mithilfe von Bond, der auch in ihrem Haushalt lebte, genauso wie Miss Moneypenny, Jack und Herder. Paterson blieb Teil von Scotland Yard, aber auch er suchte sie hin und wieder auf. Louis selbst fand sich in der Position des Anführers des MI6 wieder, die er mit aller Würde und Wissen leitete. Das war sein Weg Busse zu tun und diese Welt zu einer besseren zu machen. Dabei konnte er ja auch auf die Hilfe seiner fähigen Mitarbeiter zählen. Bei Bond wusste er sehr genau, dass er auf ihn zählen konnte, Herder war zwar manchmal unzuverlässig, aber loyal und was Miss Moneypenny betraf, an ihr war mehr dran als man von aussen zu erkennen glaubte. Derzeit waren sie und Bond gemeinsam auf einer Mission.
Davon allerdings handelte diese Erzählung nicht. Sie spielte zu der Zeit, als wieder Leben ins Haus kam und auch in dieser Nacht löschte der Hausherr - als solcher sah man Louis immer noch - das Licht. Am Zimmer seines wiedergekehrten Bruders blieb er stehen, wie er es die Jahre ohne ihn auch schon getan hatte. Diesmal hatte es aber nichts schmerzliches mehr an sich. Nein, diesmal war er schlicht verwundert. Er hörte Stimmen!
Es war falsch zu lauschen, aber er war ganz sicher, dass eine davon nicht zu seinem Bruder gehörte. Ein bestimmter Verdacht kam in ihm auf und er hob schon die Hand, um zu klopfen, liess sie dann aber wieder sinken.
Wer war er seinen Bruder zu stören? Nun er wollte das Beste für ihn, wie auch umgekehrt. Genau damit hatte ihn William damals verletzt. Er hatte ihn zurückgelassen und versucht ihn nicht in Gefahr zu bringen, weil er ihn hatte schützen wollen, vielleicht weil er ein wenig noch den kränklichen Jungen von damals in ihm sah. Dabei wusste er sehr genau, wozu er im Stande war und was er bereit war zu opfern. Nämlich alles für seinen Bruder. Wahrscheinlicher war aber, dass dieser versucht hatte Louis Unschuld zu schützen. Louis selbst hatte sich nie als unschuldig gesehen. Es war also ein sinnloses Unterfangen gewesen.
Es würde nun im Umkehrschluss seinen Bruder verletzten, wenn er klopfte und seine private und wahrscheinlich intime Unterhaltung störte. Er wusste mit wem sein Bruder sprach. Es gab diese eine Person, mit der noch spät nachts in seinem Zimmer diskutierte. Diese Person, der er sein Herz geöffnet hatte. Mehr als er es ihm, der ihn nun schon sein Leben lang kannte, getan hatte. Louis wusste um seine kindische Eifersucht. Manchmal hielt er sie schlechter, mal besser im Zaum. Es war aber nicht nur Eifersucht, die ihn Sherlock Holmes als unpassend für seinen Bruder annehmen liess. Sein Bruder verdiente nur das Beste, gleichzeitig wollte er einfach nur, dass er glücklich war. Holmes war ein kluger Mann. Man durfte es ihm nur nicht direkt sagen. Sein enormes Selbstbewusstsein war manchmal eine Zumutung für seine Umgebung. Abgesehen von diesem unfeinen Charakterzug und seinem Umgang mit diverseren Substanzen, konnte er mit dem brillanten Verstand seines Bruders mithalten. Das war aber nicht alles. Er vertraute ihm. Vertraute ihm wirklich.
Da war wieder dieses Stechen in seiner Brust und er wandte sich ab, löschte das Licht und ging weiter.
Er hatte sich bei Holmes bedankt, dass er sich um seinen Bruder gekümmert hatte und ihm zur Seite gestanden war, aber dennoch war er noch nicht so weit. Nicht so weit, dass er seinen Bruder, nach dem sie ihn endlich wieder hatten, vielleicht wieder ziehen zu lassen. Auch wenn er die letzten Jahre ohne ihn ausgekommen war, war es ihm noch nicht möglich diese Realität zu akzeptieren.
«Ist etwas, Sherly?», fragte Liam, der am Schreibtisch sass und interessiert Holmes beobachtete, der den Kopf geneigt zu lauschen schien. Er hatte sich bis eben mit ihm unterhalten, während er sich über einen Brief gebeugt hatte.
«Da war jemand auf dem Flur.»
«Das war bestimmt Louis», meinte Liam mit einem Lächeln, «gewisse Dinge ändern sich niemals. Er löscht die Lichter.»
Sherlock schnaubte, die Hände in den Hosentaschen an die Wand lehnend. «Offenkundig ist dein kleiner Bruder ein Gewohnheitstier.»
Diese Worte entlockten seinem Gegenüber ein leises Lachen, was er durchaus entzückend empfand. Früher hatte er nicht so befreit dabei geklungen. Das war gewesen, bevor sie von der Brücke gestürzt waren.
Nein, korrigierte Sherlock sich, bevor Liam sich von der Brücke gestürzt hatte und er mit ihm gegangen war. Das war eine recht waghalsige Aktion gewesen, die sie nicht wiederholen würden. Nun Liam wagte hoffentlich nicht nochmals so einen Teufelstrick.
«Er verhält sich mehr wie ein Butler als der Hausherr.» Er zuckte die Schultern und wechselte das Thema. Er schritt zu ihm rüber und beugte sich runter. «Wir wollten doch was anderes tun.»
William schlug die Augen nieder und sah dann zu ihm hoch. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, ein wenig spöttisch nun, aber irgendwie auch warm. Sein Blick sagte: So? Was wollten wir denn tun, Sherly?
Da er nichts weiter sagte, näherte Sherly sich seinen Lippen. Liam schien geduldig zu warten und als er nahe genug war, überwand er die Distanz, um ihn zu küssen. Es war nicht das erste Mal, dass sie es taten, aber das erste Mal zurück in Liams Daheim. Nun war es das wirklich? War das hier noch das Zuhause von Liam? Nach drei Jahren Abwesenheit war es ihm vielleicht fremd geworden und Amerika hatte viele positive Seiten gehabt. Zum Beispiel hatte niemand dort William James Moriarty gekannt. Dort musste er es auch nicht sein. Er konnte einfach Liam sein. Sein Liam.
«Das war fast etwas zu einfach», murmelte Sherlock, als sich ihre Lippen wieder trennten, was Liam auflachen liess.
«War es zu wenig mysteriös, Mr. Holmes?», fragte er neckend und doppelte nach, «Nicht so wie die Suche nach dem Lord of crime? War die Jagd etwa aufregender als das, was dich hier erwartet?»
Sherlock hielt inne. Er war sich nicht sicher, ob er gerade so etwas wie Verletztheit aus der Stimme entnahm. Erst wollte er es als Unsinn abtun, aber es war auch ein Körnchen Wahrheit darin. Die Jagd nach Liam beziehungsweise den Moriarty Brüdern und der Organisation war aufregend gewesen und manchmal auch Nerven aufreibend. Es hatte ihn definitiv an seine Grenzen getrieben und das war wunderbar gewesen! Sich an jemandem zu messen, der ihm scheinbar immer einen Schritt voraus war, machte das Ganze erst lohnenswert. Was ohne Mühe errungen wurde, war es meist nicht wert. Es waren wie so oft aber noch andere Indikatoren. Liam hatte ihn von Anfang an in seinen Bann gezogen. Er war ihm also zuerst auf den Leim gegangen. Er war nicht so kleinlich anzunehmen, dass wer sich zuerst verliebte, verloren hatte. All dies analysierte er innert Sekunden. Er war immer der beratende Detektiv Sherlock Holmes. Das war für ihn ein Kinderspiel.
«Unsinn!» Er ergriff Liams Kinn und grinste verwegen. Die erste Eingebung war manchmal eben doch die Beste.
«Ein Wort? Mehr bekomme ich nicht?»
Sherlock strich ihm statt einer Antwort eine Strähne zurück, betrachtete sein erblindetes Auge und küsste ihn auf die Schläfe. Vielleicht beschwichtigte das den jungen Mathematiker etwas.
«Wolltest du nicht mit mir das hier lösen?»
Der dunkelhaarige Detektiv deutete auf das Schreiben auf dem Pult, betrachtete es dann eingehender. Liam wandte seinen Blick auf das Problem und nickte. Beide schwiegen nun. Das hiess aber nicht, dass sie nichts taten. Im Gegenteil.
Der Brief bestand aus einer Seite und augenscheinlich sah es aus wie ein gewöhnlicher Brief. Das Briefpapier war durchschnittlich und die Nachricht wirkte wie ein Brief an einen weiter entfernten Verwandten, dem man einige Neuigkeiten erzählte. Der Teil war schrecklich langweilig für Sherlock. Beim zweiten Blick bemerkte er aber etwas. War da nicht ein Muster?
«Chiffrierung?», fragte er verwundert.
«Vigenère-Chiffre. Sie gilt zum jetzigen Zeitpunkt als nicht zu entschlüsseln.»
Sherlocks Augen leuchteten auf. Das klang doch recht spannend. Zwar mehr Liams Ding mit der Mathematik, aber das machte nichts.
Er nahm sich einen leeren Bogen Papier und pauste ergriffen von dieser Idee den Brief ab. Sie durften das Original nicht beschädigen. Es war immerhin immer noch möglich, dass es sich um einen gänzlich anderen Code handelte.
Einige Zeit tüftelten die beiden Männer still vor sich hin. Vom Kratzen ihrer Füllfederhalter, einem gelegentlichen Schnauben seitens Sherlock oder einem leisen Seufzen von William abgesehen. Sherlock fuhr sich durchs Haar, so dass dieses wieder eine fast natürliche Unordnung annahm. «Liam, das ist nicht die Vigenère-Chiffre.»
Liam zog eine Augenbraue hoch. Er sprach es nicht aus, aber es bereitet ihm durchaus ein klein wenig Missfallen, dass er ihn als Mathematikprofessor eines Fehlers in seinem Fachgebiet bezichtigte. «Nun, Sherly, was ist es denn deiner Auffassung nach?»
Der Angesprochene grinste. Liam klang so als wäre er in einer Vorlesung und einer seiner Studenten hätte ihm eine Frage gestellt, die er versuchte wohlwollend zu behandeln, obwohl er bereits zu einem offensichtlichen Schluss gekommen war. Derzeit unterrichtete er nicht mehr aus gewissen Gründen, aber den Lehrer bekam man aus ihm auch nicht mehr raus. Möglicherweise vermisste er diesen Beruf ein wenig. Als Lehrer konnte er ihn sich durchaus vorstellen, aber wohl kaum weiterhin als der einer verwöhnten Bande, die nichts mit ihrem Leben anzufangen wusste.
«Nun, Professor Moriarty», antwortete er langsam, ein wenig auf das Spiel eingehend, «Ich behaupte es ist die Nihilisten-Chiffre. Fairerweise besteht sie aus einer Kombination der Vigenère-Chiffre. Das kann also schon mal passieren, dass man es verwechselt…»
«Unterstellst du mir gerade einen Fehler? Nehmen wir an, es stimmt, was du sagst. Woran machst du es fest? Du weisst doch, ohne Prüfung und Beweis gilt es nicht als erwiesen.»
Liam lächelte leicht, aber sein Unterton war von einer gewissen Strenge geprägt. Als ob Sherlock nicht wüsste, dass er Beweise brauchte! Er hatte schon gefürchtet ihnen werde in London langweilig, aber Liam hatte ein neues Rätsel aufgetrieben. Dies brachte ihn zur Frage, woher dieser Brief kam. Der Absender konnte durchaus Aufschluss über den Inhalt des Briefes geben.
Nichts schien ungewöhnlich. Wenn war ungewöhnlich wie gewöhnlich es war. Die Schrift war elegant aber ohne Schnörkel.
«Es ist Milverton.»
Dieser unvermittelte Satz war es, der ihn aufschreckte. Nein, nicht dieser unglückselige Name eines Mannes, der sehr vieles in Bewegung gesetzt hatte. Nicht zum Guten allerdings.
«Milverton ist tot, Liam. Ich hab mehrmals auf ihn geschossen, wenn ich dich daran erinnern darf.»
«So tot wie ich es sein müsste?»
Sherlock zog scharf die Luft ein. Zum einen weil der Satz wirklich ungewohnt hart klang und zum anderen, weil Liam seine Hand ergriffen hatte. Er drückte sie schmerzhaft fest.
«Liam, das ist Unsinn», erwiderte er, ohne genauer darüber nachzudenken, aber überzeugend. Das war nicht typisch für ihn, aber es ging ihm darum die Sorge aus Liams Gesicht fürs Erste zu bekommen.
Milverton war gefährlich gewesen und am Ende hatte es keinen anderen Ausweg gegeben als ihn auszuschalten. Dennoch wirkte sein Name nun wie ein böser Geist für Liam.
Er nahm seine freie linke Hand und drückte damit Liams Hand, hielt sie wesentlich sanfter fest. Ein wenig hoffte er, er würde seine Rechte dafür etwas weniger fest quetschen.
«Er ist es… Die Nachricht. Wer sonst sollte sich so perfide an mich richten?»
Liams Stimme war leise, bemüht die Fassung zu wahren. Die Kontrolle zu verlieren war für Liam eine seiner grössten Ängste, das wusste Sherly mittlerweile.
«Der Brief war direkt an dich gerichtet? Wieso hast du mir das nicht gesagt?»
Liam schwieg, liess aber seine Hände, die Sherly mittlerweile beide hielt, dort wo sie waren.
«Es ist nicht Milverton. Auf die Distanz konnte selbst ein so lausiger Schütze wie ich es bin, ihn nicht verfehlen.»
Seine Gedanken bewegten sich nun schneller. Das mussten sie. Wieso hatte ihm Liam verschwiegen, dass der Brief an ihn adressiert gewesen war? Der Inhalt war derartig nichtssagend gewesen und hatte sich an einen Herrn namens Lewiston gerichtet und nicht an Liam. Es war darin um einen Kaufvertrag gegangen, der glücklich ausgegangen war.
«Wieso sollte Milverton denn eine so komplexe Verschlüsslung wählen? Das ist doch nicht seine Art. Er hätte es zwar auf eine perfide Art, aber mehr über Mittelsmänner oder die Presse erledigt.» Er schüttelte den Kopf.
Liam blieb still, seine Hände zitterten etwas. Er dachte nach. Etwas gefasster meinte er dann: «Er könnte jemanden in seinen Diensten haben mit entsprechenden Kenntnissen oder viel mehr jemanden, gegen den er etwas in der Hand hat. Das wäre sein Stil. Er lockt mich mit diesem Geheimnis an, um dann das zu tun.» Er nickte rüber zu dem Briefbogen, den er zum Dechiffrieren gebraucht hatte. Sherlock sah hinüber und konnte in der akkuraten und leicht geschwungenen Schrift Liams einen Satz erkennen: Ich weiss wer der Kaufmann von London ist und ich werde Ihnen alles nehmen.
Fred sass mit einer schwarzen Katze auf dem Schoss im Wohnzimmer auf der Fensterbank. Er mochte diesen Platz. Sowohl wegen der Aussicht nach draussen als auch der Übersicht des Raumes. Es brannte nur noch ein Licht im Raum, aber das war völlig ausreichend und die Katze und er fanden es ganz gemütlich so. Diese nächtliche Stille war nach ihrem Geschmack. Er strich ihr durch das nachtschwarze Fell, zufrieden mit sich und der Welt. William war zurückgekehrt, die Moriarty Society wieder vereint und sie schienen neue Pläne für die Zukunft zu haben. Das klang durchaus spannend und es sah immer mehr nach einer besseren Welt aus. Nur seine Katzenfütterungspläne bereiteten ihm etwas Sorgen. Er musste und wollte weiterhin dafür Zeit haben. Mit William liess sich sicher reden und Louis und er hatten sich eigentlich auch darauf geeignet, dass er weiterhin für die Katzenbande einkaufen würde. Die Arbeit für das MI6 war ganz in Ordnung und er hatte einen Ort, an den er gerne zurückkam. Ausserdem waren da noch all die anderen Dinge, die ihm durchaus Spass machten, wie der Garten, die Katzen, seine Kameraden…
«Was haben wir zum Thema Haustiere besprochen?»
Die müde und etwas gereizte Stimme von Louis durchbrach die Gedanken des jungen Mannes. Fred liess sich davon nicht beeindrucken und streichelte die Katze weiter, die gähnte und ihre spitzen Zähne entblösste.
Louis stand im Türrahmen und hatte auf seine Art den Raum im Blick, fand Fred. Seit William wieder zurück war, hatte Louis, der in die Position des Leiters des MI6 gerückt war, seine alte Rolle fast automatisch angenommen. Auch Albert, dessen Amt er nach dessen Inhaftierung übernommen hatte, war wieder zurückgekommen.
«Das wird eine grossartige Wachkatze», verteidigte er sich und bemerkte mit etwas Genugtuung wie Louis Blick Verwirrung wich.
Er erinnerte sich relativ gut, dass sie am Anfang ihrer gemeinsamen Zeit eine Auseinandersetzung gehabt hatten bei der Sache mit Baskerville. Sie hatten unterschiedliche Auffassungen gehabt und gleichzeitig hatten sie dasselbe gewollt. Sie wollten Liam auf ihre Art helfen, wobei Fred ein grösseres Gewicht darauf gelegt hatte den Opfern zu helfen. Louis dagegen sah, dass man nie alle retten konnte, auch wenn es wehtat. Moran hatte sie zurechtgewiesen und dazu noch darauf verwiesen, wohin ihre jeweiligen Denkweisen gingen und worauf sie abzielten. Man konnte von ihm halten, was man wollte, aber Moran wusste wie man Leute führte. Er hatte nicht umsonst in der Armee als Vorgesetzter gedient.
«Fred», sagte der Ältere seufzend und rieb sich die Schläfen, «Katzen kann man nicht wie einen Hund erziehen.»
«Ja, kann man nicht, aber wenn eine Katze will, ist sie besser als jeder Hund!» Freds Worte waren so aufrecht und ernst, dass Louis ihn erstaunt ansah. Das Ganze wurde noch durch das Miauen der Katze unterstrichen, die nochmals gähnte. Louis fand, dass sie für eine Katze eher überdurchschnittlich gross war.
«Wir haben doch Regeln. Es ist in Ordnung, wenn du die Katzen hier in der Gegend fütterst und dieses Gute in dir, ist sicher etwas was dich von...»
«Was mich von dir abhebt? Von euch? Tu nicht so, als wär ich unschuldiger als der Rest. Ich hab getötet. Keiner von uns ist unschuldig.» Er sprach mit einer ruhigen Stimme, auch wenn er aufgebracht war. Er nahm die Katze und stand auf. Die Katze war tatsächlich recht gross. Ihre kräftigen Hinterbeine strampelten einen Moment, ehe sie auf Freds Schulter kletterte. Sie war definitiv zu gross für die immer noch schmalen Schultern Freds, aber er liess sich wie so oft nicht beeindrucken von den Umständen. Er sprach dann weiter, die grosse Katze schmiegte sich an ihn: «Tut mir leid, das war nicht nett von mir. Aber du und ich wir wissen doch am besten, wie es ist zurückgehalten zu werden, weil man uns etwas nicht zutraut oder uns schützen will.»
Louis lehnte nun an den Türrahmen, die Arme verschränkt. Er liess sich zu dieser Haltung herab. Zum einen weil es spät war und zum anderen, weil er vor Fred eigentlich keine Geheimnisse hatte. Als sowohl William als auch Albert und später Moran auf ihre Art verschwanden, blieben sie übrig. Nun das war nicht ganz korrekt immerhin waren da noch Bond, Herder, Jack und die anderen, aber dennoch hatten sie zueinander eine etwas engere Bindung. Sie hatten damals gemeinsam beschlossen Williams zu hintergehen um seinen Tod zu verhindern.
«Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir unschuldig sind oder nicht. Wir alle laden Schuld auf uns.»
Jetzt war es an Fred zu seufzen. «Ernsthaft? Diese Diskussion willst du führen? Ich finde es etwas spät dafür.»
Louis hatte auch nicht vor zu diskutieren. Er biss sich wieder auf die Lippe und verkniff sich eine Bemerkung zu Freds Alter. Er war der Jüngste und dennoch verhielt er sich oft wesentlich erwachsener als er und auch als Moran oder Herder.
«Wir haben von der Katze gesprochen. Du willst sie als Wachkatze erziehen?»
«Nein, ich sagte, wenn die Katze will, wird sie eine grossartige Wachkatze.»
Louis spürte wie Kopfschmerzen aufkamen. Er war sich nicht ganz sicher, ob Fred sich lustig über ihn machte oder ob er das ernst meinte.
«Ich denke, ich begebe mich doch zu Bett. Vergiss nicht die Lichter zu löschen, wenn du dich zur Ruhe legst.» Louis schüttelte den Kopf sachte und drehte sich zum Gehen. Freds Stimme liess ihn kurz innehalten.
«Überanstreng dich nicht.»
Louis nickte nur darauf und verliess das Wohnzimmer. Fred blieb alleine zurück. Er nahm die Katze von seinem Rücken, die sich sofort an ihn schmiegte, und setzte sich wieder auf seinen Lieblingsplatz auf der Fensterbank. Die Beine angewinkelt, die Katze auf seiner Brust, schloss er die Augen.
Nichts als Ärger mit den Moriartybrüdern dachte er, ehe er wegnickte.
