Chapter Text
Manchmal wacht man nach einer wilden Nacht verkatert auf und kann im ersten Moment nicht ganz zuordnen, wo man sich befindet und vor allem, wie man da hingekommen ist. Ja und manchmal... manchmal wacht man auch neben jemandem auf, den man nicht unbedingt neben sich erwartet hätte.
Fabian zum Beispiel wachte an diesem seltsamen Morgen mit wahnsinnigen Kopfschmerzen und einem unguten Gefühl im Magen auf. Und das Gefühl war leider nur teilweise der Übelkeit geschuldet, die der letzte Apfelkorn des Vorabends in ihm ausgelöst hatte, sondern viel mehr eine böse Vorahnung. Ganz ganz böse.
Wer genau es war, der da neben ihm leise schnarchte, wusste er nicht, aber er traute sich auch nicht die Augen zu öffnen. Hoffentlich war er zumindest irgendwie zurück in sein Hotelzimmer gekommen und nicht noch mit zu dieser Person gefahren.
Früher oder später musste er es wohl wagen. Ein letztes tiefes Durchatmen, dann öffnete er vorsichtig ein Auge.
Glücklicherweise war es relativ dunkel in dem Raum, der sich tatsächlich als sein Hotelzimmer herausstellte, ansonsten wäre wohl sein Kopf explodiert. Nur das Licht, das aus der halb geöffneten Badezimmertür fiel, erhellte den Raum in angenehmes Licht, so dass er sich auch wagte, das zweite aufzumachen. Wahrscheinlich hatte er gestern vergessen, das Licht auszuschalten und deshalb dröhnte schon die ganze Zeit die Lüftung im Bad.
Neben ihm raschelte es, weshalb er schnell wieder die Augen zumachte, doch die Person neben ihm schien sich nur umgedreht zu haben, denn kurz darauf ertönte auch schon wieder das Schnarchen. Also, versuch zwei. So leise wie möglich drehte er den Kopf nach links, sammelte sich kurz und machte dann die Augen auf, bevor er es sich anders überlegen konnte.
Es war ein kurzer Blick.
Keine Sekunde.
Sofort kniff er die Augen wieder zu.
Nein. Das konnte nicht sein.
Das passierte jetzt nicht wirklich.
Ganz vorsichtig machte er die Augen wieder auf.
Er lag immer noch da.
Fuck.
Neben ihm lag allen Ernstes das Wunderkind der CDU, Philipp Amthor, soweit er das einschätzen konnte, unbekleidet und sabberte auf sein Kissen. Er lag auf dem Bauch, der Unterkörper bis zu den Lenden bedeckt von einer Decke und den Kopf zu ihm gedreht.
Einen langen Moment starrte er ihn einfach nur überfordert an.
“Ich fass es nicht…”, murmelte er dann zu sich selbst, war dabei aber wohl so laut, dass sein Beischlafgeselle sich auch langsam regte. Kurz überlegte er ob er sich einfach schlafend stellen sollte, damit er heimlich abhauen würde und er dem unweigerlich folgenden unangenehmen Gespräch aus dem Weg gehen konnte, doch leider war es dafür dann schon zu spät, der andere öffnete seine Augen. Ihre Blicke trafen sich und Fabian konnte ihm jeden einzelnen seiner Gedanken sofort ansehen.
“Oh Gott…”, entfuhr es dem Politiker leise. Resigniert schloss er die Augen und drehte sich auf den Rücken.
“Ich dachte, sowas darf man als Christ nicht sagen?”, sagte Fabien, ohne groß darüber nachzudenken, also wie immer, einfach das erste, was ihm in den Kopf kam. Amthor ging gar nicht darauf ein, sondern atmete hörbar tief durch und fuhr sich durchs Gesicht, bevor er die Bettdecke anhob und mit zusammengekniffenen Augen einen Blick darunter warf. Ihm gefiel wohl nicht, was er dadurch in Erfahrung brachte, denn ihm entkam ein noch lauteres Seufzen. “Fuuuuuck…”
“Na gut… mit Männern schlafen ist auch nicht sonderlich christlich, das stimmt.”, führte Fabian das Gespräch alleine weiter und drehte sich auch auf den Rücken. Auch darauf ging der Politiker überhaupt nicht ein, also lagen sie einfach da, gehüllt in unangenehmes Schweigen und hinterfragten alle Entscheidungen in ihrem Leben, die sie an diesen Punkt gebracht hatten.
“Also von Ihnen hätte ich das wirklich am wenigsten erwartet.”, stellte Fabian nach einer Weile nachdenklich fest und drehte den Kopf zu ihm. Amthor starrte immer noch an die Decke und schien entweder zu versuchen, innerlich diese Krise zu bewältigen oder sich jetzt schon Rechtfertigungen für die Presse zu überlegen. Fabian beobachtete ihn, ohne große Hoffnung darauf, heute noch eine Antwort oder irgendeine Form von Reaktion zu bekommen.
Irgendwie sah er ohne die Brille viel ernster aus. Wobei, vielleicht lag es auch an seinem Gesicht. In der Situation war es ihm nicht zu verübeln.
“Stille Wasser sind tief…”, murmelte er nach einer Weile tonlos. Sofort wurde Fabian hellhörig. War das etwa gar kein besoffener Ausrutscher gewesen? Interessant. Und dass er sich selbst als stilles Wasser bezeichnete, obwohl er die größte Quasselstrippe der Welt war, fand er auch bemerkenswert. “Sie sind allerdings das Gegenteil von einem stillen Wasser. Spritzig, quas- urg, ne das klingt in dem Kontext ganz falsch.”
Zum ersten Mal heute schlich sich ein leichtes Schmunzeln auf Amthors Gesicht, weshalb auch Fabian ein Lachen nur schwer zurückhalten konnte. Eine Weile kicherte er vor sich hin, bis es wieder still zwischen ihnen wurde. Amthor machte absolut nicht den Anschein von selbst irgendetwas sagen zu wollen. Eigentlich ungewöhnlich, wo er sich doch sonst so gerne um Kopf und Kragen redete, selbst wenn die Situation noch so aussichtslos wirkte.
“Machen Sie das öfter?”, fragte Fabian schließlich ganz gerade heraus, was ihn seit seinem Einwurf so brennend interessierte. Er musste dabei nicht einmal spezifizieren, was mit “das” gemeint war, da es ihnen definitiv beiden klar war. Amthor wägte kurz ab, vermutlich ob er lügen oder sich rausreden sollte, dann seufzte er leise.
“Gelegentlich.”, gab er zu, “Normalerweise aber nicht mit… Menschen wie Ihnen. Nicht böse gemeint.”
“Hab ich auch nicht so aufgefasst, bis Sie das gesagt haben. Aber ich nehm mal an, da wird es aber in ihrem politischen Dunstkreis nicht viel zu holen geben.”, vermutete Fabian. Wenn er sich mal die CDUler und Konservativen anschaute, mit denen er seither so geredet hatte… naja, vielleicht machte es dann doch Sinn, auf den linken Reporter einer Satireshow zurückzugreifen, wenn man ein paar über den Durst getrunken hatte.
“Oh, unterschätzen Sie das mal nicht.”, widersprach Amthor ihm überraschenderweise und drehte wieder den Kopf zu ihm rüber, weshalb ihre Gesichter sich plötzlich unangenehm nahe waren. Um sich seine Komfortzone zurückzuholen, setzte Fabian sich auf und zupfte schnell die Decke zurecht, um alle wichtigen Stellen zu verdecken, bevor er sich wieder dem Politiker zuwandte.
“Tatsache?”, fragte er schließlich etwas dümmlich nach. Amthor nickte und wollte gerade etwas dazu sagen, da war Fabians Mund schon wieder schneller als sein Hirn und er sprach ohne nachzudenken das aus, was ihm gerade in den Kopf kam: “Stimmt. Da haben schon die Village People drüber gesungen.”
Amthor warf ihm einen verwirrten Blick zu, bevor er sich auf den Unterarmen abstützte, nach nach seiner Brille auf dem Nachttisch griff und sie sich auf die Nase schob. So sah er irgendwie weniger bedrohlich aus. Nicht mehr ganz so ernst.
“YMCA...?”, versuchte er, ihm auf die Sprünge zu helfen und sah ihn abwartend an, doch sein Gesprächspartner zog nur noch verwirrter die Augenbrauen zusammen.
“Young Men’s Christian Association?”, startete Fabian einen letzten Versuch, seinen schlechten Witz zu erklären. Amthor blinzelte einige Male und Fabian zog die Augenbrauen hoch.
“Sagen Sie jetzt nicht, Sie kennen das Lied nicht mehr…”, empörte er sich und begann, den Refrain zu singen und dazu den Tanz anzudeuten.
“Natürlich kenne ich das Lied.”, murrte der Politiker und rieb sich die Schläfen, “Und ich glaube, mein Kater ist schlimmer als gedacht, sonst würde es mich mehr stören, dass Sie mich gerade mit den Village People in Verbindung bringen.“
“Die sind mindestens genauso wenig zeitgemäß wie ihre Partei.”, scherzte Fabian, bekam aber nur ein genervtes Kopfschütteln zurück. Davon ließ er sich aber nicht verunsichern, sondern scherzte direkt weiter: “Aber wem erzähl ich das, Sie waren schließlich live dabei, als die Produzenten in den 70ern dem Schwulen als Indigener verkleideten Typen in die Gaybar gefolgt sind.”
“Sie kennen sich erstaunlich gut mit dem Thema aus… Wundert mich eigentlich, dass Sie das überhaupt noch kennen.”, entgegnete Amthor ihm und setzte sich nun auch auf, um sich ausgiebig zu strecken. Dabei rutschte die Decke ein Stück herunter, was blöderweise direkt Fabians Blick fing. Das hatte er natürlich sofort bemerkt und mit hochgezogenen Augenbrauen kommentiert, was Fabian nun doch kurz aus der Bahn warf. Deshalb bemerkte er auch viel zu spät, was er da eigentlich gerade mit seinem letzten Satz angedeutet hatte.
“Haben… Sie gerade selber einen Alterswitz gemacht?", fragte er erstaunt, nicht zuletzt, um von seinem unangenehmen Ausrutscher abzulenken. Unwillkürlich grinste sein Gegenüber. “Was Sie können, kann ich schon lange. Ich finde es im Übrigen ganz schön anmaßend, dass Sie Alterswitze machen, und dabei mit 30 immer noch aussehen wie ein 17-Jähriger.”
“Ohhh, der war hart. Aber Sie wissen schon, dass es strafbar ist, als Rentner mit einem Minderjährigen zu schlafen, oder?”, ging der Reporter seinem natürlichen Konter-Reflex nach.
“Ach, jetzt hören Sie aber mal auf.”, entgegnete Amthor schmunzelnd und schubste ihm leicht gegen die Schulter, “Darf ich vielleicht noch Ihre Dusche benutzen? Geht auch schnell.”
Suchend sah er sich im Raum um und entdeckte schließlich seine Unterhose neben dem Bett, die er sich vom Boden angelte. Aus Anstand wandte Fabian den Blick ab, als er versuchte, sich umständlich unter der Decke anzuziehen und nickte zustimmend. “Ja, meinetwegen. Aber passen Sie auf, dass Sie nicht ausrutschen. So einen Oberschenkelhalsbruch holt man sich im hohen Alter schnell. Vor allem, wenn man durch den Gräuel ‘bei einem Mann liegen, wie man bei einer Frau liegt’ Gott verärgert hat.”
Amthor schnaubte genervt und schüttelte ungläubig lächelnd den Kopf.
“Jaja, machen Sie sich ruhig lustig. Einen guten Clown erkennt man ja daran, dass er selbst am Galgen noch Witze macht.”, bemerkte er altklug, während er sich vom Bett erhob.
“War das eine Drohung?”, antwortete Fabian schmunzelnd und sah wieder zu ihm rüber, was er im nächsten Moment direkt wieder bereute.
Nicht, dass er etwas anderes erwartet hatte, aber trotzdem warf es ihn ziemlich aus der Bahn, dass er eine knallenge und ziemlich kurz geschnittene Unterhose trug, die zwar unfassbar spießig wirkte, aber leider auch- nein, stop. Aber mal ernsthaft. Konnte er nicht zumindest ein Mal etwas etwas out of character sein? Zumindest beim Thema Unterhosen?!
“Nein, natürlich nicht.”, ruderte der Politiker höflich zurück, wie immer, wenn man ihn auf einen Witz festnageln wollte. Schnell löste Fabian seinen Blick und war ziemlich froh, dass er so sehr mit der Bemerkung beschäftigt gewesen war, dass er den viel zu langen fassungslosen Blick nicht bemerkt hatte. Kurz musste Fabian sich sammeln und nachdenken, worum es überhaupt gerade ging.
“Achso. Einfach nur eine Beleidigung.“, verstand er ihn weiterhin mit Absicht falsch, obwohl er natürlich genau wusste, was er meinte. Es war einfach zu lustig, wie verlegen er dann immer rumdruchste. Dieses Mal schien er ihn aber durchschaut zu haben, denn er grummelte nur etwas Unverständliches, rechtfertigte sich aber nicht weiter, während er seine im Raum verteilten Klamotten vom Boden aufhob.
Währenddessen wagte Fabian es vorsichtig, ihn wieder anzusehen, natürlich ausgerechnet in dem Moment, in dem er sich mit dem Rücken zu ihm gewandt nach seiner Krawatte bückte, weshalb er sich seufzend nach hinten fallen ließ. Er hatte wirklich ein Problem.
Gutes Stichwort.
“Erinnern Sie sich eigentlich?”, fragte er und starrte nachdenklich an die Decke. Eine Weile bekam er keine Antwort, so dass er sich schon fragte, ob er überhört oder ignoriert wurde. Dann machte der andere allerdings ein nachdenkliches Geräusch, bevor er laut überlegte: “An die Kneipe sehr vage, ja. Aber das hier”, er gestikulierte im Raum umher, “keine Ahnung.”
“Wissen Sie es wirklich nicht, oder machen Sie den Scholz?”, fragte Fabian und hob leicht den Kopf, um den Politiker skeptisch anzusehen. Der warf ihm allerdings nur einen verwirrten Blick zu. “Den Scholz?”
“Na so tun, als würde man sich nicht erinnern, um sich nicht rechtfertigen oder mit seinen eigenen Handlungen auseinandersetzen zu müssen.”, erklärte er, als wäre es ein gängiges Sprichwort und jeder müsse diese Redensart kennen. Amthor lachte leise, bevor er gespielt empört antwortete: “Also bitte, ich bin ja wohl kein Sozialdemokrat. Und um ehrlich zu sein, will ich auch gar nicht so genau wissen, was passiert ist.”
“Ach, war bestimmt heiß.”, antwortete Fabian schulterzuckend, “Wobei… Sie sind bestimmt der Typ der ausschließlich Blümchen-Sex will.”
“Alles andere wäre unchristlich.”, scherzte Amthor. Fabian lachte leise, bevor er konterte: “Ich glaube, das Kind ist eh schon in den Brunnen gefallen.”
“Vermutlich.”
“Tja. Sie werden in der Hölle brennen. Können Sie auch gleich austreten. Ist billiger.”
Amthor schnaubte belustigt. “Wenn ich das bei jeder Sünde machen würde, hätte ich gar nicht erst eintreten brauchen.”
“Sehr reflektiert Herr Politiker.” Fabian setzte sich auf und beobachtete ihn dabei, wie er seinen Gürtel wieder in die Hose fädelte. Warum der überhaupt draußen war, wollte er eigentlich gar nicht so genau wissen.
Amthor schien derweil nicht weiter über sein Verhältnis zum Christentum zu diskutieren zu wollen, denn er machte nicht den Anschein, als wolle er noch darauf eingehen. Da Fabian es schon immer schwer fand, Stille auszuhalten, dachte er sich direkt den nächsten Witz aus: “Tun Sie mir jetzt auch einen politischen Gefallen oder machen Sie das nur für Geld?”
Augenblicklich hielt der Politiker in seiner Bewegung inne und sah fassungslos zu Fabian, der wegen dieser Reaktionen sofort zu kichern begann. “Ach kommen Sie schon, das war ja wohl eine Steilvorlage.”
“Sehr lustig.”, antwortete Amthor ohne auch nur eine Miene zu verziehen, bevor er in sein typisches Politiker gebrabbel verfiel, “Ich weiß worauf Sie anspielen, aber lassen Sie sich mal eins gesagt sein: Prostitution ist ein ernstzunehmendes Problem in Deutschland. Und um ehrlich zu sein-” Amthor brach augenblicklich ab, als Fabian in schallendes Lachen verfiel. Verwirrt und leicht verärgert sah er zu ihm rüber, während der Reporter sich vor Lachen in der Bettdecke fest krallte. “Entschuldigung, ich kann Sie so nicht ernst nehmen."
Amthor schüttelte ungläubig den Kopf. Einen langen Moment blieb sein Blick an Fabian hängen, der immer noch ausschließlich von der Decke bekleidet auf dem Bett saß und sich nur langsam wieder von seinem Lachanfall erholte.
“Wahnsinn…”, murmelte er mehr zu sich selbst als zu Fabian, während er sein Hemd nahm, welches erstaunlich sorgfältig über der Stuhllehne lag und einen Moment an einem kleinen Flecken am Kragen herum rubbelte.
“Sie wirken so, als würden Sie gleich die Powerpoint über Zwangsprostitution auspacken, aber halt… in Unterhose.”, erklärte Fabian, was ihn so amüsierte und musste direkt wieder lachen, “In DIESER Unterhose!"
“Ich weiß gar nicht, warum ich überhaupt noch mit Ihnen rede…”, murmelte Amthor frustriert.
“Weil Sie mich insgeheim doch charmant finden?”, fragte Fabian scheinheilig und warf ihm sein süßestes Lächeln zu. Amthor schnaubte nur, schüttelte den Kopf und machte sich auf den Weg ins Badezimmer.
“Das wirds sein.”, murmelt er ironisch, “Ich geh mich jetzt von meinen Sünden frei waschen. Vielleicht fühl ich mich danach weniger schmutzig.”
“Wo kauft man eigentlich solche Unterhosen? Vintage Laden? Haben Sie die beim letzten Enkeltrick einer armen Oma geklaut? Oder gibts die beim Eintritt in die CDU gratis dazu?", rief der Reporter ihm hinterher, als er schon im Bad verschwunden war.
“Klappe!", kam es nur knapp zurück.
Er musste lachen. Das würde wohl noch lustig werden. Zumindest für ihn.
