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“Und du hast wirklich noch nie-” Leo brach ab. Ganz klein und verletzlich sah Adam aus, wie er im Baumhaus vor ihm saß, die Beine überschlagen. Als hätte er etwas falsch gemacht, als wäre es seine Schuld, dass er noch nie Geburtstag gefeiert hatte. Dass ihm nie jemand einen Kuchen gebacken, Geschenke verpackt, eine Geburtstagskrone aufgesetzt hat.
Leo atmete tief durch, schob die Wut, die sich in seinem Körper ausbreitete, von sich. Die half ihm jetzt nicht weiter.
“Adam?” Adam starrte immer noch auf den Boden, auf die Muster, die die Sonne durch die Blätter malte. “Es ist alles gut. Aber du kriegst einen richtigen Geburtstag dieses Jahr, ja? Versprochen.”
“Du musst nicht…”
“Ich will aber.”
—-
“Mama? Wie macht man deinen Geburtstagskuchen?” Leo kickte seine Schuhe von den Füßen und stürmte in die Küche.
“Ich freu mich auch, dich zu sehen.” Sie lächelte. “Wofür brauchst du denn das Rezept? Hast du Angst, dass ich deinen Geburtstag vergesse?”
“Nein, aber Adam…”
“Wann hat er denn Geburtstag?”
“Morgen, und ich möchte… Also…”
“Ich fahr gleich sowieso nochmal einkaufen, willst du mitkommen? Dann kannst du ein Geschenk aussuchen und wir können heute Abend den Kuchen backen.” Leo nickte. Er hätte sich denken können, dass seine Mutter ihn verstehen würde. Gerade wenn es um Adam ging, für den sie immer weiche Pyjamas und seine Lieblingsbettwäsche rauslegte, wenn er zu Besuch kam. Für den sie “ganz zufällig” Lasagne kochte, wenn sie wusste, dass er zum Mittagessen kam.
Leo war froh darüber. Adam verdiente alle Liebe, die er kriegen konnte. Das wissende Lächeln seiner Mutter, als würde sie etwas verstehen was er selbst noch nicht wusste, ignorierte er. Irgendwann würde er sich darüber Gedanken machen, aber nicht heute.
Heute lief er mit seiner Mutter durchs Einkaufszentrum, überlegte, was klein genug war, dass Adam es behalten könnte und hasste sich für den Gedanken. Adam sollte nichts kleines bekommen, nichts verstecken müssen. Dafür war er viel zu wichtig, so viel Liebe in Leo dass sie drohte, aus seiner Brust zu platzen. Er wollte sie hinausschreien in die Welt, in Adams Ohr flüstern, wieder und wieder, aber er konnte nicht. Vielleicht traute er sich auch einfach nicht, aber das lief auf das selbe hinaus.
“Leo, schau mal, was hältst du hiervon?” Ein hölzerner Anhänger, geschnitzt in der Form eines Tigers. Leo fuhr mit dem Daumen über das glatte Holz. Der Anhänger war wunderschön, und klein genug, dass Adam ihn gut verstecken konnte. Ein perfektes Geschenk, und ein kleines Stückchen Leo für seine Hosentasche. Er nickte.
—
Leo vibrierte vor Aufregung. Er hatte sein Zimmer vor der Schule noch schön geschmückt, Adams Geschenk eingepackt und seine Lieblingscd eingelegt. Ein richtiges Geburtstagszimmer. Seine Mutter hatte angeboten, im Wohnzimmer zu feiern, aber das fühlte sich nicht richtig an. Zu offen, zu vulnerabel. Also wurde es Leos Zimmer, mit zugezogenen Vorhängen gegen neugierige Augen. Und als Bonus funkelten die Kerzen im dimmen Licht noch mehr.
Jetzt stand er mit Adam in der Garderobe und kickte sich die Schuhe von den Füßen.
“Adam, warte mal kurz, ja? Bin gleich wieder da.” Er ignorierte Adams verwirrten Blick und flitzte die Treppe hoch in sein Zimmer. Kerzen an, Lichterkette, Musik, er sah sich schnell noch einmal um um sicherzugehen, dass er ja nichts vergessen hatte. Vorsichtig schloss er die Tür hinter sich, ignorierte das Kribbeln in seinem Bauch und lief wieder zu Adam, der immer noch in der Garderobe stand.
“Komm.” Er nahm Adam bei der Hand und führte ihn die Treppe hinauf. Adam wusste, wo sein Zimmer war, aber heute war das egal, heute war das nicht Leos Zimmer sondern Adams, nur für ein paar Stunden. Adams Hand war rau, die offenen Stellen an seinen Knöcheln immer noch nicht ganz verheilt und Leo passte auf, sie nicht zu fest zu halten. Vorsichtig fuhr er mit dem Daumen über Adams Handrücken, hörte Adam scharf einatmen - anscheinend hatte er doch eine schmerzende Stelle getroffen. Viel zu schnell standen sie vor Leos Zimmertür, eine Sekunde ließ er sich zögern, dann atmete er tief durch und stieß die Tür auf.
“Adam, schau mal.” Er wollte Adam ins Zimmer ziehen, aber der blieb wie angewurzelt auf der Türschwelle stehen. Adams Blick schweifte durchs Zimmer, blieb am Geburtstagskuchen und den Kerzen hängen. Seine Augen glänzten feucht, am liebsten hätte Leo ihm die Tränen aus den Augenwinkeln gewischt aber das hätte Adam sicher nicht zugelassen. Also wartete Leo, ließ Adam alles verarbeiten und überlegte solange, was fehlte. Da war doch - klar, die Papierkrone.
“Warte, ich hab was vergessen.” Sein Flüstern war kaum hörbar über der Musik, aber er traute sich nicht, lauter zu sprechen. Der Moment war zu schön, zu verletzlich, wie eine schillernde Seifenblase, die jede Sekunde zerplatzen könnte.
Vorsichtig holte er die Papierkrone aus seiner Hosentasche und setzte sie Adam auf den Kopf. “Für das Geburtstagskind. Komm, setz dich.”
Adams zögerliches Lächeln wurde breiter, er strahlte, als hätte er es selbst nicht mehr unter Kontrolle. So leicht, so jung, hatte Leo ihn selten gesehen. Fast wie ein kleines Kind, nicht den Teenager, den er ab heute war. Das Kind, das schon so viele Geburtstage hätte feiern sollen, so viele Geschenke, so viele Geburtstagskuchen, und nichts davon bekommen hatte.
Leo zog Adam in seine Arme, flüsterte ihm ein “Happy Birthday” ins Ohr. Am liebsten würde er ihn nie wieder loslassen, hier festhalten, wo er sich um Adam kümmern könnte. Wo Adam wichtig war, sicher, wo sein Geburtstag gefeiert wurde, er keine Wunden und blauen Flecken von seinen “Treppenstürzen” abbekam. Sie wussten beide, dass Adam nicht gestürzt war, die Verletzungen von seinem Vater kamen, aber das machte es nicht einfacher auszusprechen. Also tat Leo so, als würde er Adam glauben, verband seine Wunden und ignorierte das Stechen in seiner Brust, wenn Adam am Ende des Tages wieder nach Hause musste. Es brachte ja doch nichts.
Leo schüttelte die Gedanken ab, dirigierte Adam stattdessen an seinen Platz. Im flackernden Licht der Kerzen und mit Adams unbeschwertem Lachen im Ohr blieb für Schmerzen keinen Platz, war da nichts als das wohlig warme Kribbeln, das sich langsam in seinem Bauch ausbreitete. Und vielleicht, ganz vielleicht, war das ja Liebe. Morgen würde ihm das wieder Angst machen, heute ließ er es einfach zu, ließ sie durch seine Adern strömen wie warmer Honig.
