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„Mama?“, fragt Leo fast schüchtern am Küchentisch über seine Gabel voll Nudeln hinweg und weicht ihrem fragenden Blick aus. „Ich hab dir doch von Adam erzählt.“
Sie nickt und kann sich keinen Reim auf den unsicheren Unterton in seiner Stimme machen. Er hat viel erzählt von Adam in letzter Zeit, darüber, dass die anderen ihn endlich nicht mehr ärgern. Davon, dass Adam fast nie Pausenbrot dabei hat und ob sie ihm deshalb mehr mitgeben könnte und davon, dass Adam nicht davor zurückschreckt, sich mit den Älteren anzulegen.
„Kann… kann ich ihn mal mitbringen?“, erkundigt Leo sich hoffnungsvoll und ihr Herz flattert ein bisschen. Seit dem Kindergarten hat Leo niemanden mehr mitgebracht, hat sich immer unendlich schwer getan damit, zu schüchtern zu sein und damit, dass die anderen Jungs immer nur mit Autos und Spielzeugwaffen spielen wollten und die Mädchen Jungs aus Prinzip doof fanden. Über das Alter sind sie mittlerweile zwar hinaus, aber Freunde hat er trotzdem nicht wirklich, nicht so, dass er von ihnen erzählen würde.
Jetzt hat er Adam. Und natürlich darf er Adam mitbringen.
Adam wirkt irgendwie eingeschüchtert, als er das Haus zum ersten Mal betritt.
Er bewegt sich nahezu lautlos, seine Augen zucken ruhelos durch den Raum und der groß gewachsene Jugendliche zusammen, als Leos Vater nach Hause kommt.
Er wendet den Blick ab, als Leo seinen Vater umarmt und sie kann es nicht benennen, aber irgendetwas hat er an sich, dieser Junge mit den großen, ruhelosen Augen.
Sie ist nicht überrascht, als Leo ihr Jahre später anvertraut, dass er glaubt, Adam so richtig zu mögen. Dass er seine Sexualität nicht benennen will, aber dass er immer wirklich glücklich ist, wenn er Zeit mit Adam verbringt.
Gleichzeitig erzählt er immer weniger von ihm, davon, was ihn umtreibt, wenn sie ihn spät nachts noch in seinem Zimmer rumoren hört, fängt an abzublocken, wenn sie nach Adam fragt.
Er nimmt ein Fernglas mit in sein Baumhaus und gibt ihr keine vernünftige Antwort auf die Frage, welche Tiere er damit beobachtet hat.
Die seltenen Male, in denen er Adam mit nach Hause bringt, wirkt Adam immer weniger zurückhaltend ihr gegenüber, aber umso verschüchterter vor dem Rest der Welt.
Sie denkt, dass Adam ein guter Junge ist und dass er sich ruhig mehr zutrauen dürfte. Dass er Leo guttut und sie fragt sich trotzdem, was es ist, das die beiden nonverbal kommunizieren, wundert sich, warum Leo sofort das Thema wechselt, als sie nach seinen Eltern fragt.
Sie wundert sich nicht mehr und fragt auch nicht mehr nach seinen Eltern, als ihr an einem warmen Tag blaue Flecken an seinem Oberarm auffallen, weil Adam seinen Pulli auszieht und die Ärmel seines T-Shirts dabei hochrutschen.
Immer wieder versucht sie, zu helfen. Spricht Leo darauf an, aber irgendwann faucht der nur noch und bringt Adam noch seltener mit und sie kann sehen, dass er leidet und leidet darunter, dass er keine Hilfe annehmen will.
Eines Tages kommt er spät heim, mit bebender Unterlippe und geröteten Augen. Seine Hände zittern um das Glas, das er sich hastig auffüllt. Er gibt an, im Kino gewesen zu sein und sie denkt nur, dass er aussieht, als hätte er einen Horrorfilm nicht nur angeschaut, sondern unmittelbar miterlebt.
Ein paar Wochen später ist Adam weg.
Leo auch, irgendwie. Er sitzt ihr am Küchentisch gegenüber und ist doch nicht wirklich anwesend, geht kaum noch aus dem Haus und schon gar nicht in sein Baumhaus. Er sitzt am Schreibtisch und brennt CDs, die er nie abspielt, wird noch dünner, als er ohnehin schon ist und er schweigt.
Eisern, wann immer sie ihn danach fragt, was passiert ist. Was mit Adam ist, mit ihm selbst, warum er nicht mehr da ist.
Sie vermisst sein Lächeln, bis ihr auffällt, dass sie den ganzen Leo vermissen muss, weil keine Spur mehr da ist von ihrem Sohn.
Bei der feierlichen Übergabe der Abiturzeugnisse verlässt er wortlos den Raum, als Adams Name vorgelesen wird unter denen, die zur Stufe gehören, heute aber kein Zeugnis erhalten werden. Sie geht ihm hinterher und in seinen Augen stehen Tränen, die er trotzig wegzuwischen versucht, seine Muskeln spannen sich gegen die Umarmung, in die sie ihn ziehen will, bis er bricht und so hart in sie hinein fällt, dass sie einen Schritt nach hinten gehen muss, um nicht umzufallen. Am Abend liegt er wie ein Kind in ihren Armen und weint so lange, bis sie denkt, dass da gar keine Tränen mehr nachkommen können. Dann denkt sie, dass er nicht geweint hat, seit Adam weg ist und fragt sich, ob er gerade um den weint oder um sich selbst.
Ihr Herz bricht, als er ihr tränenerstickt davon erzählt, dass er doch auch nicht weiß, wo Adam ist. Dass er gegangen ist, ohne sich zu verabschieden und dass er seitdem Albträume hat.
Er geht nicht zum Abiball. Weil Adam sowieso nicht kommt, sagt er, und weil es ohne ihn keinen Sinn ergibt.
„Ich glaube, Adam ist tot“, murmelt er irgendwann, als er wochenends zum Essen bei ihr ihr ist. Sie kann ganz genau sehen, dass das nicht stimmt, aber sie versteht, warum er es glauben will, erst recht, wenn er vom Studium erzählt und davon, dass Vermisste, die lange nicht gefunden werden, meistens tot sind. Auch wenn da ein Funken Hoffnung in ihm übrig bleibt, den er zu verleugnen versucht. Ihr Herz blutet für ihn, an diesem Tag, blutet auch für Adam, wo immer der sein mag. Sie hofft, dass Leo damit irgendwann abschließen kann, auch in dem nicht unwahrscheinlichen Fall, dass Adam nicht wiederkommt.
Kurz vor dem Abschluss bringt er eine junge Frau mit, die er ihr als seine Freundin vorstellt. Sie ist nett und freundlich, Leo wirkt glücklich, wenn er bei ihr ist und trotzdem fehlt da dieses Leuchten. Die Gelöstheit, die bisher nur Adam bei ihm ausgelöst hat und die komplett verschwunden ist, seit er weg ist.
Sie behält ihre Gedanken für sich und kocht Leos Lieblingsessen, als es ein paar Monate später vorbei ist.
Von Caro erfährt sie, dass Adam wieder da ist. Leo lebt nur noch für die Arbeit, in den letzten Wochen, und sie nimmt ihm das nicht übel und sorgt sich trotzdem, weil er manchmal wieder wirkt wie damals, als Adam noch nicht da war und er in der Schule gemobbt wurde. Sie fragt nach Adam, am Telefon. Leo legt auf und ruft sie ein paar Minuten später zurück, um sich zu entschuldigen und ihr sein Herz auszuschütten. Da liegt ein Unterton in seiner Stimme, den sie vermisst hat, weil der nur da war und offensichtlich noch da ist, wenn er über Adam redet. Ob Adam das bewusst ist, weiß sie nicht und will es nicht wissen, besonders über die nächsten Wochen, in denen alles, was Leo von Adam erzählt, nicht besonders positiv klingt.
Aber Leo wirkt mehr da, mehr angekommen, also lässt sie ihn machen.
Er fragt, ob das Gästezimmer frei ist, während er auf dem Weg zum Knast ist. Um Adam abzuholen, erklärt er und meint, dass er ihr die ganze Geschichte erzählen wird, wenn sie mehr Zeit haben. Aber heute kann er nur nach dem Gästezimmer fragen, damit er es Adam anbieten könnte, falls der nicht in Leos Wohnung schlafen will.
Sie findet das ein wenig absurd, denn warum sollte Adam lieber bei der Mutter seines besten Kindheitsfreundes schlafen wollen als bei Leo selbst, aber weil es Leo beruhigt, bejaht sie es trotzdem.
Abends schickt er ihr ein Bild vom Schlafsofa in seiner eigenen Wohnung, wünscht ihr eine gute Nacht und bedankt sich.
Sie fühlt sich mitschuldig, als er ihr die ganze Geschichte erzählt und versteht nicht, warum sie nicht besser hingesehen hat. Warum sie Adam nicht geholfen hat und wie sie nicht dahinter kommen konnte, was passiert ist, an dem Tag, an dem Leo nicht im Kino war.
Doch Leo seufzt nur und sinkt tief in die Umarmung. Er murmelt, dass sie nicht schuld ist und dass es vorbei ist, dass das alles jetzt vorbei ist, dass es vielleicht endlich gut werden kann und sie fragt sich, ob er das zu ihr oder zu sich selbst sagt.
Adam wirkt weniger eingeschüchtert, als sie ihn in Erinnerung hat, als er das Haus nach all den Jahren wieder betritt. Sie freut sich, dass er da ist, dass er hineingewachsen ist in den großen Körper und dass Leos Augen wieder, immer noch, ein wenig heller strahlen, wenn er Adam anschaut.
Er holt sie ab, um Leo im Krankenhaus zu besuchen und erklärt ihr, was passiert ist. Entschuldigt sich, weil er glaubt, Schuld zu haben an allem, auch noch, nachdem sie ihm vehement widersprochen hat. Es sind nur zwei Nächte, die Leo im Krankenhaus verbringen muss und Adam will sich weigern, zu gehen, bis sie ihm anbietet, den Abend mit ihr zu verbringen.
Adam kocht fantastisches Curry und erzählt von der Welt und seiner Ausbildung, von all den Postkarten, die er schicken wollte, aber dass der Mut dafür nie reichte, weil er sich selbst hasste und davon ausging, Leo müsste das auch tun. Woher der Mut kam, zurückzukommen, kann er nicht erklären, aber da zuckt ein Ausdruck durch seine Augen, den sie schon genauso in den Augen ihres Sohnes gesehen hat. Und sie hofft, dass die beiden das hinkriegen, nach all den Jahren, denn der Mann vor ihr wirkt genauso sanft wie früher, unter der harten Schale, und er tut Leo auch mindestens genauso gut wie damals.
Auch, wenn er das nicht wirklich zu sehen scheint.
Leo sagt nie explizit, dass er jetzt mit Adam zusammen ist. Aber sie stehen händchenhaltend vor ihrer Haustür, an einem lauwarmen Oktobertag und sie lächelt und wundert sich, ob die beiden sich das gegenseitig jemals explizit gesagt haben oder ob es einfach klar war. Zumindest irgendetwas müssen sie allerdings definiert haben, zwischen damals und heute, denn eines Tages glänzt ein schmaler Ring an Leos Finger und seine Wangen werden ein wenig rosa, als es erst Caro und dann ihr auffällt.
Als Adam das nächste Mal zu Besuch kommt, stoßen sie mit alkoholfreiem Sekt an und sie nimmt Adam in den Arm und verschluckt all die Worte, die sie ihm sagen will, weil sie Angst hat, dass er sie dann nie wieder umarmen will. Mit Worten der Zuneigung kann er immer noch nicht so richtig umgehen, zu tief sind die Spuren, die sein Vater hinterlassen hat.
Und jetzt sitzt sie hier im schönsten Kleid, das sie sich vorstellen kann, und schaut mit Tränen in den Augen zu, wie Adam ihrem Sohn die schönsten Worte sagt.
Adams Hände zittern ein wenig um die kleine Karteikarte in seiner rechten Hand und sie kann erkennen, wie Leos Daumen beruhigend über den Handrücken der Linken streicht. Ganz aufmerksam zuhören kann sie nicht, denn ihr Kopf ist voll mit Gedanken und Gefühlen über die beiden Männer da vorne, wie lang der Weg war und wie fantastisch sie beide aussehen, jeder für sich und ganz besonders miteinander.
Ein paar Tränen laufen über ihr Gesicht, während Adam seine Rede beendet und der Standesbeamte sein Sprüchlein aufsagt und sie kann gar nicht mehr aufhören, zu weinen, als ihr Sohn endlich seinen Mann küsst.
Gerührt greift sie nach der Hand ihres eigenen Mannes, die sich sanft auf ihren Unterarm legt und klammert sich ein bisschen daran fest. Auch er weint ein bisschen, von all den Emotionen, und er tupft es möglichst nonchalant weg. Sie lachen sich unter Tränen an, weil das Glück irgendwo raus muss und als sie Adams Blick auffängt, strahlt er so sehr, wie sie ihn noch nie hat strahlen sehen und gleich muss sie noch ein wenig mehr weinen. Leo dreht sich zu ihr um und kichert, wischt sich selbst über die Augen und schnieft, bevor er Adam das Grinsen gleich nochmal von den Lippen küsst.
