Chapter Text
„Das Obduktionsergebnis ist schon durch, hat …“ Nadeshda zögerte kurz und sah ihn entschuldigend an. „Also, Professor Boerne hat vorhin angerufen. Soll ich den Bericht abholen?“
Thiel unterdrückte ein Augenrollen. Er hätte wirklich nicht gedacht, daß das so schwierig sein würde. „Wieso? Kann ich doch machen. Ich komme eh fast an der Rechtsmedizin vorbei auf dem Weg zu Frau Klemm.“
„Ich dachte nur …“ Nadeshda strich sich mit einer etwas nervös wirkenden Geste die Haare aus dem Gesicht. „Vielleicht haben Sie da ja jetzt nicht so große Lust drauf.“
Thiel seufzte. „Wie oft muß ich das eigentlich noch sagen – es ist alles in Ordnung. Wir haben uns schließlich im Guten getrennt. Ich bin durchaus in der Lage, einen Obduktionsbericht bei Boerne abzuholen.“
„Wenn Sie das sagen.“ Nadeshda wirkte immer noch skeptisch.
„Genau das sage ich.“ Er schnappte sich seine Jacke und rief seiner Kollegin im Gehen noch ein Tschüß über die Schulter zu. Mann, Mann, Mann … man sollte wirklich nicht glauben, daß die zartfühlenden Kollegen das größte Problem bei einer Trennung waren.
***
„Ah, guten Morgen, Frank. Welchem Umstand verdanke ich die Ehre?“
„Dem Obduktionsbericht über Jochen Hellhauer.“ Er ließ sich in Boernes Besucherstuhl fallen. „Hast du schon vergessen, daß du Nadeshda deswegen angerufen hast?“
Boerne hob eine Augenbraue, sagte aber nichts zum Thema neuer Stuhl und nicht ganz so neue Jeans. So eine Trennung hatte ganz eindeutig ihre Vorteile. „Moment.“ Der andere drehte ihm den Rücken zu und wühlte in einem Stapel. „Ich hatte Frau Krusenstern eigentlich so verstanden, daß sie den Bericht abholen wollte?“
Thiel schnaubte.
„Hier.“ Ein schmales Bündel Papier wurde vor ihm abgelegt. „Und worüber echauffierst du dich jetzt schon wieder?“
„Stellt sich Frau Haller auch so an?“
„Was meinst du?“
„Nadeshda glaubt anscheinend, daß wir nicht mehr miteinander reden, und will mir was Gutes tun. Und sie ist da nicht die einzige … Frau Klemm hat mich gefragt, ob ich mal Urlaub bräuchte, Meier I hat mich auf ein Bier eingeladen, Meier II will mir seinen Großcousin vorstellen, und der Typ, der in der Kantine das Essen ausgibt, hat gemeint, ich soll die Hoffnung nicht aufgeben. Was auch immer das heißen soll.“
Boerne lächelte. Oder vielmehr … er grinste.
„Ja, ich weiß.“ Thiel seufzte. „Alles nur gut gemeint.“
„Frau Haller hat mich zum Essen eingeladen, wenn dich das tröstet. Sie glaubt anscheinend, daß ich Aufmunterung brauche, obwohl ich ihr gesagt habe, daß das wirklich nicht nötig ist.“
Für einen Moment hingen sie beide ihren Gedanken nach. Thiel dachte darüber nach, daß die Kollegen es sehr viel gelassener hingenommen hatten, als sie von ihrer Beziehung erfahren hatten. Also von Boernes und seiner. Das war ja fast schon ein bißchen peinlich gewesen, wie schnell das alle akzeptiert hatten, als hätten sie seit Jahren nichts anderes erwartet. Die Trennung schien alle sehr viel mehr aus dem Gleichgewicht zu bringen. Alle anderen – außer Boerne und ihn.
„Und wie ist er so, der Großcousin von Meier II?“
„Pfff … Hör mir bloß auf.“ Thiel griff nach dem Bericht und kletterte aus diesem vermaledeiten Besucherstuhl, der nicht wirklich dafür gedacht war, daß hier jemand bequem drauf sitzen und wieder hochkommen konnte. Designermöbel – auch so eine nerviger Tick von Boerne.
„Ruf mich an, wenn du über ein Fremdwort stolperst!“ rief Boerne ihm hinterher.
„Du kannst mich mal …“
„Dir auch einen schönen Tag!“
Thiel schmunzelte, als er aus der Tür ging. War doch alles O.K. zwischen ihnen beiden. Gut, Boerne hatte ein wenig erleichtert gewirkt, als er wegen des Großcousins abgewinkt hatte. Aber kein Wunder, Boernes Ego hätte es sicher angekratzt, wenn er sich gleich jemand neues gesucht hätte – Trennung im Guten hin oder her. Aber da bestand ja nun sowieso keine Gefahr, das war wirklich das letzte, was er wollte. Er war ganz froh, daß er aus dieser Geschichte wieder raus war.
Nein, er war einfach kein Beziehungsmensch. Vielleicht früher mal, aber inzwischen hatte er solange alleine gelebt, daß er sich nicht mehr so einfach an jemand anderen gewöhnte. Und wenn es mit Boerne nicht klappte, warum sollte es dann mit jemand anderem klappen? Sie waren ja beide guter Dinge gewesen und hatten das gewollt, wirklich. Aber sie hatten sich auch beide sehr schnell sehr unwohl gefühlt. Unwohl und unbeholfen. Ihre Beziehung hatte so viele Jahre anders funktioniert, und jetzt kamen da plötzlich neue Erwartungen dazu. Wie man sich zu benehmen hatte, wenn man verliebt war. Romantik und das ganze Zeug. Dinge, die irgendwie nicht zu ihnen beiden zu passen schienen. Er hatte mehr und mehr das Gefühl gehabt, eine Rolle zu spielen, und Boerne hatte sich zwar alle Mühe gegeben, aber er hatte gemerkt, daß es dem anderen auch nicht besser ging. Und deshalb hatten sie den Tatsachen ins Auge geblickt, letztes Wochenende.
Es funktionierte einfach nicht.
Jedenfalls so nicht. Aber davor hatte es funktioniert, als sie noch Sowas-wie-Freunde gewesen waren. Es war Boerne gewesen, der das als erster laut ausgesprochen hatte. Boerne, der seine Zweifel beiseite gewischt hatte und gemeint, daß es ganz in ihrer Hand lag, wie die Geschichte weitergehen würde. Und daß sie, wenn sie nur wollten, sehr wohl zu dem Punkt zurückkehren konnten, an dem sie sich wohl gefühlt hatten.
Und wie meistens hatte Boerne am Ende recht behalten. Es war die ersten Tage ein bißchen komisch gewesen, wobei … Eigentlich war es vor allem schwierig gewesen, es den anderen zu erklären. Boerne und er waren einfach nur dahin zurück, wo sie davor gewesen waren. Was ziemlich einfach war, denn darin hatten sie schließlich jahrelange Übung, während das mit der Beziehung nur gut drei Monate gedauert hatte. Boerne hatte sogar vorgeschlagen, wieder zum „Sie“ zurückzukehren, aber das war ihm dann doch zu merkwürdig vorgekommen.
Und da standen sie nun also. Sowas-wie-Freunde, die sich duzten und die Hälfte der Zeit so taten, als ob ihnen der andere auf die Nerven ging. Ab und zu noch ein wenig ungelenk, so wie gestern, als Boerne ihn beinahe aus Gewohnheit geküßt hätte. Die ein oder andere etwas unpassende Erinnerung an mehr Intimität, als ihm jetzt noch angemessen schien – vor allem, wenn das in einer Teambesprechung passierte, weil Boerne mit seinem Stift spielte.
Aber dafür, daß das alles gerade Mal vier Tage her war, hielten sie sich wirklich gut.
